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15. Sonntag im Jahreskreis: Mitleid

Im Zentrum des heutigen Evangelium steht das Mitleid.

Der Samariter hatte Mitleid mit dem Ausgeplünderten. Die anderen hatten es nicht. Jesus lädt ein, so zu handeln, wie der Samariter.

Doch das Mitgefühl ist nicht etwas, das uns gleich als Kind mit in die Wiege gelegt wird. Wir müssen es im Lauf unseres Lebens erst erlernen – so wie wir die Fähigkeiten des Verstandes schrittweise durch Erfahrung zur Entfaltung bringen können, so können wir auch das Mitgefühl in unserem Herzen durch Taten wecken und wachsen lassen.

Christine Busta sagt: „Die reinste Form menschlicher Intelligenz ist die Güte. Sie braucht zu ihrer Vollendung sehr viel Torheit und Widerstand gegen die sogenannte Vernunft."

Das Mitgefühl ist also höher einzustufen als die sogenannte menschliche Vernunft, es ist ihre Krönung. In unserem Alltag sehen wir das freilich sehr oft anders. Leute, die Mitgefühl zeigen und danach handeln, werden oft als weniger lebenstüchtig angesehen, als diejenigen, die cool und professionell nur ihre eigenen Ziele verfolgen.

Der Priester und der Levit waren in religiöser Hinsicht wahrscheinlich sehr vorbildliche Leute. Aber es hat ihnen an menschlicher Reife gefehlt: nämlich dass sie im entscheidenden Augenblick ihren Tempeldienst und die religiöse Pflichterfüllung sein lassen und sich um den geschundenen Mann am Straßenrand kümmern.

Theresa von Avila sagt zu ihren Mitschwestern: „Werke will der Herr! Wenn du weißt, du könntest einer Kranken Linderung verschaffen, so lass ohne Zögern von deiner Andacht ab und tu es." Wir verschanzen die Stimme unseres Herzens sehr oft hinter den Gründen der Vernunft und der Gesetze. Aber in der Erzählung Jesu hat das Mitgefühl Vorrang vor der religiösen Pflicht und der Rechtgläubigkeit.

Ich denke, dass es auch in unserer Kirche viele menschliche Probleme gibt, wo der Rechtsstandpunkt mehr zählt als die menschliche Hilfe: wenn zum Beispiel Menschen in ihrer ersten Ehe mit mehr oder weniger eigener Schuld scheitern und nun einen Partner finden, der mit Ihnen das Leben teilen will – müssten wir uns nicht auch hier um Lösungen nach der Art des Samariters bemühen?

Ich weiß schon, es gibt viele Konfliktsituationen im Alltag der Menschen, die nicht so einfach zu lösen sind; aber eines wird mir durch das heutige Evangelium klar: wir dürfen unser Herz nicht verstecken hinter Vernunftgründen und Rechtsnormen. Menschliche Reife erweist sich in der Fähigkeit, auch das Herz sprechen zu lassen und danach zu handeln.

 

Heute, 19.5.2012

Heilige/r des Tages:
Hl. Kuno von Regensburg,  Hl. Maria Bernarda (Verena) Bütler,  Hl. Cölestin V

Lesung: Apg. 18,23-28.

Evangelium: Joh. 16,23b-28.

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